
Neue Zürcher Zeitung
Ein Jahr ohne Winter können wir ganz gut ertragen, ein Jahr ohne Fondue aber nicht. Das Blubbern des Käses im Caquelon hat seine eigene Magie, die Stimmung wärmt das Herz, das Fondue heizt den Körper, und Käse, Weisswein und Kirsch machen glücklich. Wir besuchten unlängst en famille die «Chässtube Rehalp», die bis auf den letzten Platz besetzt war, von einem vielfältig gemischten Publikum, das Touristen ebenso umfasste wie Freunde von uns, die einen Geburtstag feierten, und allerlei weitere Bekannte, was den Ort definitiv nicht für ein klandestines Rendez-vous empfiehlt. Die grosse und die kleine Wirtsstube sind mit viel Holz ausgekleidet und wirken urgemütlich. Im Sommer verfügt das Lokal über eine grosse Terrasse – was natürlich die Kleider optimal vor dem Duft des Käses bewahrt.
Der verführerische Atem von dampfendem Fondue und schmelzendem Raclette öffnet bekanntlich alle Schleusen des Magens, und wir sehnen uns nur noch nach dem erlösenden Moment, in dem das Rechaud auch auf unserem Tisch entflammt wird. Der obligate Nüsslisalat mit Ei (Fr. 11.50) verkürzt die Wartezeit, und seine Sauce ist angenehm mild-würzig. Wir haben das Fondue «moitié-moitié» gewählt, mit den beiden Freiburger Komponenten Gruyère und Vacherin (Fr. 25.80 pro Person). Es ist etwas dünnflüssiger und sättigt vielleicht nicht so rasch wie andere Käsemischungen. Auf jeden Fall kommen wir mühelos bis auf den Boden des Caquelons und lassen uns die Religieuse als Dessert schmecken. Das Raclette ist qualitativ hervorragend und wird Schlag auf Schlag serviert. Da wir schon beim Fondue genascht und hie und da eine Kartoffel anstelle der Brotstücke im heissen Käse gedreht hatten, müssen wir nach vier Portionen Forfait erklären: Für einmal hatte wohl der Wirt beim Preis à discrétion (Fr. 34.50) die besseren Karten. Etwas gedämpft wurde unser ursprünglicher Bärenhunger sicher auch durch das stete Knabbern von Cornichons, Silberzwiebeln und Mini-Maiskolben. Diese sind aromatisch, aber nicht allzu sauer – genau so, wie sie sein müssen, und sie sind erst noch recht kalorienarm. Zu den traditionellen Käsegerichten ist ein Fendant (Fr. 4.50/dl) noch immer ein idealer Begleiter. Denise und Peter Ernst, die seit langem erfolgreich die «Chässtube» führen, empfangen ihre käsehungrigen Gäste auch in der «Raclette-Stube» an der Zähringerstrasse und im «Fribourger Fonduestübli» an der Rotwandstrasse in Zürich. Andreas Honegger